Love and Peach » Chef zieht ein – oder wie es ist, einen Hund aus dem Tierheim zu holen

Chef zieht ein – oder wie es ist, einen Hund aus dem Tierheim zu holen

Da stehen wir. An einem Ende der Leine ich, am anderen ein neues Familienmitglied, das mich mit großen Augen anschaut.

Eigentlich war es einer dieser Tiefpunkte im Leben, die es mühelos in die Top Ten schaffen. Und eigentlich habe ich im Tierheim nur Ablenkung gesucht – gefunden habe ich allerdings viel mehr. Hund sei Dank…

Ganz lässig läuft der 3 Kilo-Scheißer vor der Betreuerin zu mir in den Raum hinein. Dass von dem extrem kupierten Schwanz nur ein kleines Büschel Haare abstehen und seine riesigen Ohren wie die Bremsfallschirme einer Langohrfledermaus abstehen, macht ihn nur noch charmanter. Nachdem wir uns eine Weile beschnuppert haben, er meinen Schoß eingenommen hat, ich ihn geschmust und gekrault habe, muss er mit der Betreuerin wieder zurück in seinen Zwinger. Nicht ohne sich dabei umzudrehen und sich mit einem tiefen Murren bei ihr zu beschweren. Der gefällt mir.

Meinen ersten Hund hatte ich von einer Züchterin – er war reserviert und wurde uns quasi von einer Leihmutter geschenkt. Er wurde von uns aufgezogen und geformt. Das jetzt war eine andere Nummer – ich adoptiere einen erwachsenen Hund mit einer Vorgeschichte, die niemand kennt. Die Grundkommmandos kann er und er lernt schnell neue. Es dürfte sich in seinem vorigen Leben zumindest jemand gut mit ihm befasst haben. Zu Kindern und alten Leuten ist er ganz liebevoll und lässt sich fast alles gefallen. Bei Männer ist er sehr wählerisch. Wir verstehen uns.

Drei Wochen später. Die Betreuerin übergibt mir die Leine. Und jetzt? Erstmal Gassi gehen in der Grünfläche vorm Tierheim.
Ich weiß, dass er mit dem linken Hinterbein ein Problem hat – eine lockere Kniescheibe, nichts ungewöhnliches bei kleinen Hunderassen. Am Weg zum Auto sprinten er munter, aber auf nur drei Beinen los, und mir rutscht erstmal das Herz in die Hose. Hat er wirklich keine Schmerzen? Was wenn es doch schlimmer ist, er eine OP braucht und wir ihn nicht lange haben? Ich seh‘ mich schon beim Einschläferungstermin, meinen Sohn neben mir, mir einen ‚Wie konntest du uns das antun?‘- Blick zuwerfen.

Zuhause angekommen beschnuppert er aufgeregt jeden Winkel und huscht anschließend wie ein Eichhörnchen auf LSD über die Wohnzimmercouch. Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll – ist das Freude oder Überforderung? Mein Sohn und ich setzen uns auf den Boden vor die Couch. Endlich tapst er zu uns, als hätte er die Wohnung für gut befunden, und wirft sich zufrieden in den Schoß meines Sohnes.  Erstes Aufatmen und fallenlassen.

Abends im Bett lese ich dann zum 35. Mal Artikel über lockere Kniescheiben und die Verhaltensweisen von Hunden beim Ankommen im neuen Zuhause – phu, alles im grünen Bereich. Genauso wie bei den letzten 34 Malen. Später wird es mir aber noch nützlich sein, zu wissen wie man einem Hund das Kniegelenk wieder einrenkt.

Da hör‘ ich ein leises Winseln und sehe zwei kleine Pfoten am Bettrand. Da wir uns in Sturheit und Ausdauer anscheinend sehr ähneln, einigen wir uns darauf, dass er in seinem Bettchen schläft, aber meine Hand dafür vom Bett zu ihm herunterhängt.

Nach fast 1,5 Jahren haben wir uns mehr als aneinander gewöhnt. Und uns noch mehr gegeben.
Die schlimme Nacht, als meine Oma gestorben war, hat er mit mir auf der Couch verbracht. An mich gedrückt, mir nicht von der Seite weichend.
An diesen Tagen, an denen man am besten gar nicht erst aufgestanden wär‘, erinnert er mich beim Heimkommen daran, dass ich das anbetungswürdigste Wesen  des Universums bin und er es keine Sekunde länger ohne mich ausgehalten hätte.

Ähnlich groß ist auch meine Freude, wenn es im Hunde-Bettchen raschelt und ich Sachen finde, die ich seit Wochen vermisse. Oder mir meine Fortgeh-Bluse anziehe und dabei eine getrocknete Mini-Hendlkeule aus dem Ärmel schüttle. Man kann ihm einfach nicht böse sein.

Auf noch viele Jahre mit dir, mein kleiner Scheißer.